E-Bikes, E-Scooter, Verkehrssicherheit und die Helmpflicht - Analyse aus Sicht eines Radfahrers
Während ständig alle von Helmpflicht und strengeren Tempolimits für E-Scooter reden bleibt das eigentliche Problem ungelöst. Nämlich fehlende und gefährliche Infrastruktur, sowie die Gefahr von tonnenschweren Fahrzeugen niedergefahren zu werden.
Am 29.04.2026 wurde bei einem E-Scooter Unfall ein 12-jähriges Mädchen getötet. Sie war gemeinsam mit ihrer Freundin auf dem Scooter unterwegs. Vor dem Einbiegen auf die Landesstraße haben sie noch an der Stopptafel angehalten und geschaut, aber einen herannahenden Transporter übersehen. Dieser konnte trotz Vollbremsung nicht anhalten. Ein einfacher Fehler, so wie er jedem von uns passieren könnte. Nur mit tödlichen Folgen.
Als Teil der Berichterstattung über diesen Unfall betont der ORF, wieder einmal, dass kein Helm getragen wurde. Was nicht erwähnt wird: Auf der Kreuzung an der der Unfall passiert ist gibt es weder einen sicheren Gehsteig noch einen Radweg auf dem die Mädchen hätten fahren können.
So wie dieser Unfall passieren leider sehr viele auf österreichs Straßen. Im September 2025 stirbt eine 23-jährige Eiskunstläuferin in Salzburg, nachdem sie von einem Abbiegen LKW niedergefahren wurde. Sie war auf einem aufgemalten Radstreifen unterwegs. Im November 2025 rammte ein betrunkener Fahrer eines Klein-LKW eine Radfahrerin in Purkersdorf im Frühverkehr und tötete diese. Die Radfahrerin hat sich gerade in der Mitte der Straße auf der Abbiegespur eingeordnet.
Mittlerweile schreibe ich seit über einer Woche an diesem Posting und es wurde am 8. Mai ein Radfahrer in Lustenau von einem abbiegenden LKW getötet und am 12. Mai tötet ein betrunkener Autofahrer im Murtal seinen Freund der mit dem E-Bike unterwegs war, nachdem sie zuvor gemeinsam zusammengesessen sind.
Als Radfahrer hat man all diese Geschehnisse immer im Kopf wenn man in Österreich unterwegs ist. Werde ich die nächste Fahrt über die Landstraße überleben? Oder nimmt mich irgendwer mit weil er betrunken oder abgelenkt ist?
Helmpflicht und Tempolimit für E-Scooter - Victimblaming par Excellence
Am Abend des 30.04. wird ein weiterer Artikel auf orf.at veröffentlicht. Es kommen Experten zu Wort, die für strengere Helmpflicht und Tempolimits bei E-Scootern und E-Bikes eintreten. Was von den Experten nicht gefordert wird sind sichere Radinfrastruktur oder Maßnahmen gegen immer schwerere und schnellere KFZ und die problematische Mobilitätsstruktur, vor allem am Land, die das KFZ massiv bevorzugt und alles andere zu einem lebensgefährlichen Unterfangen macht.
In der öffentlichen Debatte wird ein Bild gezeichnet in dem "die bösen und völlig rücksichtslosen E-Scooter und E-Bike Fahrer:innen" eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen. Verfehlungen von Radfahrer:innen werden prominent dargestellt, während Vorrangverletzungen durch Autofahrer:innen oder eine Alkoholisierung, wenn überhaupt, nur in einem Nebensatz erwähnt wird. Fehlende oder schlecht gebaute* Radinfrastruktur wird eigentlich so gut wie gar nicht erwähnt. Bei Leser:innen entsteht so der Eindruck das Unfallopfer ist eigentlich selber Schuld (Victim-Blaming), denn implizit wird suggeriert "hätte das Opfer einen Helm getragen, dann wäre es vielleicht ja gar nicht Tod". Eine grauenhafte Darstellung für die (nicht nur) in den österreichischen Medien kaum Sensibilität herrscht. So wird die öffentliche Wahrnehmung verzerrt.
Die öffentliche Warnehmung ist teils so weit verzerrt, dass man manchmal von Autofahrer:innen gesagt bekommt "Ja aber die tragen ja alle keinen Helm", als ob es eine Rechtfertigung dafür wäre wenn Radfahrer durch riskante Überholmanöver, Unfaufmerksamkeit oder Alkoholisierung gefährdet oder getötet werden.
Am 01. Mai habe ich auf Bluesky ein Video veröffentlicht, in dem ich österreichischen Journalist:innen angeboten habe mich für ein Interview oder einen Podcast zur Verfügung zu stellen für das Thema Sicherheit im Radverkehr, denn momentan wird die Diskussion einseitig geführt. Es wird über E-Scooter Fahrer:innen und über Radfahrer:innen gesprochen, aber nicht mit ihnen. Man redet mit ÖAMTC, Kuratorium für Verkehrssicherheit, Professoren an der TU Wien, aber die Radlobby wird außen vor gelassen. Bisher gab es noch keine Reaktionen.
Und warum red ich da jetzt drüber?
Ich selbst bin fast ausschließlich mit Zug und Rad unterwegs. Manchmal ergänze ich meinen Mobilitätsmix mit Carsharing, ab und zu borge ich mir für die Last-Mile einen E-Scooter aus. Ich besitze also tatsächlich auch einen Führerschein. Aber an normalen Arbeitstagen lege ich mindestens 14km mit dem E-Bike zurück. Für meine Reisen können es auch schon mal 50km oder mehr an einem Tag werden. In den 6 Monaten in denen ich mein neues E-Bike besitze, bin ich über 2500km damit gefahren.

Ich habe Länder quer durch die EU und darüber hinaus mit dem Klapprad besucht. Spanien, Frankreich, Italien, Norwegen, Finnland, Tschechien, Montenegro. Ich bin quasi schon überall geradelt. Habe gesehen wie die Radinfrastruktur in verschiedenen Ländern gebaut ist. Um es kurz zu machen: Wir sind in Österreich ein ziemliches Schlussslicht was sichere Radinfrastruktur betrifft.


Mit dem Lastenrad im Tagzug oder mit dem Klapprad im Nachtzug. Zug und Rad ergänzen sich einfach perfekt.
Ich fahre sehr gerne mit dem Rad. Nicht nur spart es enorm an Kosten gegenüber einem PKW, es ist auch gut für die Gesundheit und oft schneller und flexibler als die Öffis. Für meine Reisen ist das Fahrrad eine sehr gute Ergänzung zum Zug. Distanzen von 10 bis 20km lassen sich mühelos bewältigen. So ist man flexibel unterwegs. Kurzum das Fahrrad ist für mich Freiheit. Auf meinem Arbeitsweg erlebe ich, aber leider fast tagtäglich gefährliche Situationen und auch viele Beinaheunfälle.

In Linz setze ich mich seit mindestens 2021 für sicherere Bedingungen für Radfahrer:innen ein. Zuerst bei der lokalen Radlobby, dann als Teil eines kleinen Teams das sich im Gemeinderat rund um Clemens Brandstetter engagiert. Zuerst als Teil von "Der Wandel" später als eigenständige Lokalpolitische Gruppe mit dem Namen "Ahoi Linz".
Das Grundproblem
Die Debatte um eine Helmpflicht oder Tempolimit für E-Bikes und E-Scooter kommt nicht aus dem Nichts. Sie ist das Resultat einer kontinuierlichen Entwicklung über die letzten Jahre.
Es gibt in der Bevölkerung einen großen Bedarf nach Mobilität. Zur Schule, zur Arbeit oder in der Freizeit, irgendwie müssen die Leute von A nach B kommen. Für Leute die kein eigenes Auto besitzen können oder wollen gab es hier bisher eine Lücke. Die Öffis bieten oft kein adäquates Angebot. Fahren zu selten oder nicht zu den Zielen wo die Menschen hin wollen. E-Bikes und E-Scooter füllen diese Lücke perfekt aus. Entweder als alleiniges Transportmittel oder in Kombination mit den Öffis. Sie erfreuen sich immer größerer Beliebtheit und das ist gut so, denn eine kürzliche erstellte Metastudie zeigt, dass E-Bikes signifikant dazu beitragen, dass die Autonutzung zurückgeht.

Und selbst wenn man den Klimawandel nicht als Problem sieht, so gibt es noch ein anderes Problem das wir in unseren Städten haben: Wir haben zu wenig Platz!
Platztechnisch ist das Auto einfach ein furchtbar ineffizientes Verkehrsmittel. Man beansprucht rund 10 qm nur um eine Person zu transportieren. Nimmt man stattdessen das Fahrrad können rund 4 bis 6 Personen mit dem selben Platzverbrauch unterwegs sein. Sicherheitsabstände zwischen den Fahrzeugen noch nicht mitberücksichtigt.
Und hier kommen wir nun zum eigentlichen Problem. Die Anzahl der Nutzer:innen von Mikromobiltät wächst stetig, sie müssen aber nach wie vor die selbe veraltete Radinfrastruktur nutzen wie vor 20 Jahren. Am Land findet sich oftmals überhaupt keine sichere Infrastruktur um zu Fuß oder mit Kleinfahrzeugen von A nach B zu kommen.
Dieses Problem lässt sich relativ leicht beheben. Es ist inzwischen längst bekannt welche Maßnahmen notwendig sind um sichere Verhältnisse für Mikromobilität und Fußgänger herzustelllen.
Die nordischen Länder wie Finnland und Norwegen sind uns da schon um einiges voraus. Die sogenannte Vision Zero, also die Vision, dass im Straßenverkehr keine Menschen getötet werden, konnte sowohl in Oslo als auch in Helsinki umgesetzt werden. Wie das geschafft wurde? Durch nüchterne Analyse von Daten, Tempo 30 in der Stadt, konsequenten Kontrollen von Verkehrsverstößen und Umgestaltung besonders gefährlicher Abschnitte.

Hingegen sind die Radwege, die ich in Österreich erlebe vielerorts noch immer sehr gefährlich. Zu schmal, Nachrang an Kreuzungen, Umwege und gemischte Geh- und Radwege. Hierzulande wird alles unternommen um dem Auto keinen Platz wegzunehmen.


Die Debatte um Tempolimit für E-Bikes und Helmpflicht als Nebelgranate
In der derzeitigen Berichterstattung vom ORF kommt sehr oft das Kuratorium für Verkehrssicherheit zu Wort und dort scheint es momentan nur 2 Forderungen zu geben
- Tempolimit für E-Bikes und E-Scooter auf 20km/h reduzieren
- Eine allgemeine Helmpflicht beim Führen dieser Fahrzeuge
Unterstützende Kommentare in diese Richtung kommen dann auch immer wieder von Medizinern. Wenig überraschend. Nachvollziehbar. Nur fehlt hier halt der Gesamtkontext.
Nun ist es so, dass das Tragen eines Helms auf jeden Fall sinnvoll ist. Ich empfehle es jedem. Ich war lange selber ein Helmmuffel. Zu unpraktisch auf langen Reisen, wo man eh schon viel Gepäck hat. Aber seit ich mein neues, stärkeres E-Bike habe trage auch ich bei allen längeren Fahrten einen Helm, weil Helme wirklich leben retten.
Es ist aber nicht so, wie vom KFV oder ORF dargestellt, dass das Tragen eines Helms automatisch die Unfallzahlen oder Todesfälle senkt. Die Unfälle werden nämlich nicht durch fehlende Helme ausgelöst, sondern durch die oben bereits angemerkte fehlende oder schlecht ausgeführte Radinfrastruktur. Auch eine Senkung des Tempolimits für E-Bikes sehe ich kritisch, aber mehr dazu später.
Die Helmpflicht bringt aber vor allem große juristische Probleme. Eine der größten Stärken des Fahrrads ist die Flexibilitiät. Aufsteigen und losfahren. Doch genau die verliert es mit einer Helmpflicht. Die 300m zum Bäcker. Nur mit Helm. Spontan das Bikesharing nehmen oder den Leih E-Scooter vom Bahnhof nach Hause? Vergiss es. Möchte man Bikesharing verwenden müsste man also den ganzen Tag den Helm herumschleppen. Realitätsfern wenn man beispielsweise in Linz wohnt und bei einer Tagesreise in Wien ein Fahrrad ausleihen möchte. Zwar kann man theoretisch dann immer noch ohne Helm fahren, es hält einen ja nichts auf und seien wir uns ehrlich, die Polizeikontrollen werden auch nicht besonders strikt sein, aber im Falle eines Unfalls hat man dann ein großes Problem. Die Unfallversicherung kann nämlich einfach die Zahlung verweigern.
Es gibt unzählige gute Gründe warum es mal sein kann, dass man ohne Helm unterwegs ist. Zuhause vergessen, unterwegs verloren oder gestohlen, Bikesharing, der Helm ist unterwegs so nass geworden, dass man ihn nicht mehr tragen kann und so weiter und so fort.
Es wundert mich, dass den Experten beim KFV und allen anderen die diese Helmpflicht so vehement verlangen diese Probleme nicht bekannt sind. Oder sie sind bekannt und werden absichtlich ignoriert. Und österreichische Medien hinterfragen diese Probleme nicht.
Die Helmpflicht in Europa ist ein Flickenteppich. Im allgemeinen gibt es keine Helmpflicht. In manchen Ländern gibt es nur eine Helmpflicht für Jugendliche. In Finnland gibt es sie, es ist aber kein Bußgeld festgelegt. In Spanien besteht eine Helmpflicht nur außerorts, entfällt aber bei Steigungen und großer Hitze.

Selbst in den großen Fahrradnationen Niederlande und Dänemark gibt es keine allgemeine Helmpflicht. Es gibt dort auch keine Diskussion darüber ob eine Helmpflicht eingeführt werden soll, denn in diesen Ländern hat man das Grundproblem erkannt und erfolgreich angegangen. Denn eine Helmpflicht kann nicht die Fehler einer schlechten Verkehrsplanung lösen. Da hilft nur eines: Sichere Infrastruktur.
Sichere Radinfrastruktur? Bitte nur wenn das Auto nicht gestört wird!
Um das Radfahren attraktiv zu gestalten ist es wichtig, dass man möglichst schnell von A nach B kommt, möglichst keine Ampeln oder ähnliches hat. Man erreicht mit dem Fahrrad keine hohe Höchstgeschwindigkeit, kann man die Durchschnittsgeschwindigkeit aber hoch halten, so ist man in der Stadt sogar oftmals schneller als mit dem Auto. In den Niederlanden oder auch im nordfinnischen Oulu sind die Radwege genau auf diese Fahrweise ausgelegt. Ampeln sind mit Sensoren ausgestattet oder durch Brücken und Unterführungen ersetzt. Die Radwege verlaufen geradlinig und ununterbrochen.



Radinfrastruktur in Oulu. Breit, vom Autoverkehr getrennt, Kreuzungen gut einsehbar. Solche Infrastruktur erlaubt Radfahrern hohe Geschwindigkeiten auf längeren Strecken.
Umso weniger Kreuzungen ein Radweg mit der Straße hat umso weniger Möglichkeiten gibt es überhaupt, dass es zu einem Unfall kommt. Deshalb werden in den Niederlanden, aber auch in Finnland oftmals Radwege komplett getrennt von der Autoinfrastruktur gebaut. Leitplanken und Betonelemente schützen Radfahrer:innen physisch. In Österreich hingegen gibt es immer noch viele Stellen an denen der "Radweg" nur aufgemalt ist. Doch nicht umsonst gilt unter Radfahrer:innen der Slogan "Farbe ist keine Infrastruktur", denn alllzuoft werden die Bodenmarkierungen ignoriert. Sie bieten einfach keinen physischen Schutz. Mancherorts werden auch Fahrradstreifen in der sogennanten Dooring Zone markiert. Das bedeutet, dass auf dem markierten Radstreifen die gefahr besteht durch öffnende Autotüren verletzt zu werden und nicht genug Platz besteht um in sicherem Abstand (das Ministerium empfiehlt 1,2m) daran vorbeizufahren.




Bild 1: Ein Radfahrstreifen in Salzburg, nur für Mutige Bild 2: Wien, so sieht die Realität leider oft aus. Foto: Benedikt Marschütz Bild 3: Wien, so kann es aussehen, wenn die Infrastruktur gut gebaut wird. Man beachte den Abstand zu den Autos um Dooring zu vermeiden. Foto: Benedikt Marschütz


Nur physische Infrastruktur kann wirkungsvoll schützen. Links Bilbao, rechts Donostia - San Sebastian
Tagtäglich beobachte ich gefährliche Situationen, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Einige davon lassen sich durch bessere Infrastruktur abmildern, andere durch verstärkte Kontrollen bestehender Regelungen.
Beispielsweise habe ich immer wieder Probleme weil Autofahrer:innen abbiegen, ohne in den Spiegel zu schauen und ohne zu Blinken oder gar Stoptafeln überfahren, ohne anzuhalten und ohne zu schauen. Nicht erst einmal habe ich erlebt wie ein Auto in hoher Geschwindigkeit auf eine Radüberfahrt zufährt und erst auf dieser stehen bleibt, um zu schauen ob ein Radfahrer kommt. Ein Unfall wird in solchen Situationen oft dadurch verhindert, dass man als Radfahrer einerseits schon vorausschauend fährt und andererseits einen sehr kurzen Bremsweg hat und rechtzeitig abbremst. Aber diese Situationen tauchen in keiner Statistik auf.
Eine weitere Unsitte die sich eingebürgert hat ist das Abstellen von Lieferwagen in Wohngebieten. Das ist zwar nicht grundsätzlich verboten. Streng genommen dürften Lieferwagen aber im Kreuzungsbereich nicht abgestellt werden, denn sie blockieren die Sichtachsen. Gewöhnliche PKW sind niedrig genug um über das Dach hinweg sehen zu können. Lieferwagen versperren, besonders wenn sie im Kreuzungsbereich abgestellt sind, die Sichtachsen und erzeugen so Gefahrenstellen.

Tempolimit - Einschränkungen nur für E-Bikes und Scooter, Autos dürfen weiterhin rasen?
An dieser Stelle möchte ich auch noch auf das geforderte Tempolimit eingehen. Aus der Berichterstattung ist mir nicht ganz klar, ob das KFV jetzt Tempo 20 nur für E-Scooter fordert oder auch für Pedelecs. Ersteres kann ich noch gewissermaßen nachvollziehen, denn E-Scooter sind rein physikalisch im Fahrverhalten wesentlich instabiler als E-Bikes, letzteres wäre der Todesstoß für E-Bikes als Alternative für Pendler:innen. Bereits jetzt habe ich öfter Probleme, weil 25 km/h genau so blöd gewählt sind, dass sich viele Autofahrer in den 30er Zonen zum überholen "gezwungen" sehen und teils gefährlichen Überholmanöver mit überhöhter Geschwindigkeit durchführen. Teilweise muss ich auch auf Straßen mit 50 km/h Beschränkung fahren und dort ist man mit 25 km/h definitiv ein Verkehrshindernis. Nur die, seit 2022 gesetzlich vorgeschriebenen, Überholabstände werden leider selten eingehalten und noch seltener kontrolliert. Grund hierfür ist eine Lücke im Gesetz, die dafür sorgt, dass für eine Strafe sowohl Abstand als auch Geschwindigkeit über 30 km/h gerichtsfest nachgewiesen werden müssen. Dieses Problem könnte man leicht lösen indem man, wie in Deutschland, die Mindestgeschwindigkeit von 30 km/h aus dem Gesetz streicht.
Gleichzeitig sollte man bei all diesen Regelungen für E-Bikes und E-Scooter auch darauf achten, dass sie in der EU einheitlich sind. Sonst wird es nämlich schwierig korrekt zugelassenen Fahrzeuge zu kaufen, wenn jedes Mitgliedsland eigene Regeln hat. Und beim Reisen wirds dann richtig kompliziert.
Wesentlich sicherer wäre meiner Meinung nach generell Tempo 30 in den Städten einzuführen und gleichzeitig die maximale Motorunterstützung für E-Bikes, nicht aber für E-Scooter, auf 30 km/h anzuheben. Das würde das Geschwindigkeitsniveau harmonisieren und könnte so tatsächlich für mehr Sicherheit sorgen. Mit dem E-Bike könnte man dann einfach die Straßen benutzen und die Radwege würden für die langsameren E-Scooter zur Verfügung stehen.
Wenn wir schon über Tempo 30 sprechen, dann müssen wir auch einen weiteren Aspekt ansprechen. Die Geschwindigkeitskontrollen. Es reicht nicht einfach nur Schilder aufzustellen. Man muss die Geschwindigkeit kontrollieren und entsprechen Strafen, denn wie eine Erhebung in Anthering zeigt sind 98,5% (!!) in der 30er Zone zu schnell unterwegs. Immer wieder liest man von Autofahrern, die mit jenseits von 100km/h fahren. Denn während bei E-Bikes und E-Scootern der Motor tatsächlich bei erreichen der Geschwindigkeit abschalten musst, ist das bei Autos leider nicht der Fall.
Und so überrascht es auch wenig, dass es 2025 tatsächlich ein BMW Fahrer geschafft hat sein Auto in der Fahrradstraße, in der ich jeden Tag fahre, aufs Dach zu legen. In einer Fahrradstraße. Mit vorgeschriebenen Tempo 30. Die eigentlich eine sichere Route für Radfahrer und Familien sein sollte.



Die Fahrradstraße sollte eigentlich besonders für Familien und Kinder die Möglichkeit bieten sicher zu radeln. Meine Erfahrungen zeigen eher, dass die Fahrradstraßen in Linz trotz allem ein Platz für Autos bleiben.

Technisch liese sich dieses Problem leicht beheben durch sogenanntes Geofencing könnte man per Software technisch verhindern, dass Autos mehr als die maximal erlaubte Geschwindigkeit fahren.
Gleiches gilt auch für die Einhaltung von Regeln für E-Scooter und Fahrräder. Oft genug kommen mir Radfahrer:innen in der falschen Richtung entgegen, oder E-Scooter fahren auf dem Gehsteig. Zu zweit genutzte E-Scooter sind auch sehr beliebt, aber all diese Dinge sind bereits jetzt verboten. Es reicht nicht ständig nur neue Gesetze einzuführen. Man muss die Vorhandenen auch einmal kontrollieren. Das Reglement für E-Bikes und E-Scooter ist bereits jetzt sehr streng.
Übrigens ist ein Tempolimit für die Motorunterstützung, zumindest für E-Bikes, noch aus einem weiteren Grund völlig sinnlos. Es gibt Pedale. Mit meinem Fahrrad schaffe ich durch ordentliches treten auf kurzen Abschnitten auch schon mal 40 km/h. Auf Landstraßen wenn es bergab geht habe ich auch schon 50 km/h geschafft. Ein Tempolimit würde mir also nur beim Pendeln das Leben schwerer machen.
Radinfrastruktur - Am Land
Auf ländlichen Radwegen gibt es ganz andere Probleme. Ein sehr beliebter Trick bei Gemeinden ist es den Radweg vor jeder Kreuzung enden zu lassen und danach wieder fortzuführen. Das hat genau einen Grund: Die Radfahrer haben so Nachrang.


Der Klassiker am Land. Der Radweg endet vor der Kreuzung und beginnt danach wieder. Radfahrer haben so Nachrang. Im Falle eines Unfalls trifft den Autofahrer keinerlei Schuld.
Da ich auch viel auf Radwegen außerorts unterwegs bin kenn ich die Probleme hier. Radwege die ohne Vorankündigung alle 500m die Straßenseite wechseln (Radweg zwischen Neulengbach und Purkersdorf), Natürlich mit Nachrang. Radwege die bei einer 20km Strecke nochmal 5km Umweg machen gegenüber der Bundesstraße (Salzkammergut Radweg). Radwege bei denen man 13% Steigung und etliche Höhenmeter mehr überwinden muss als auf der Bundesstraße (Salzachtalradweg).



Auf der Karte ist schön erkennbar: Der Radweg ist ein Flickenteppich und wechselt alle paar hundert Meter die Straßenseite. © OpenStreetMap contributors.

Und viele Landesstraßen auf denen es überhaupt keine sichere Infrasstruktur für Fußgänger und Radfahrer gibt. Ganz anders sieht das in Finnland, Schweden oder Norwegen aus. Selbst auf vielbefahrenen Überlandstraßen gibt es hier baulich getrennte Wege auf denen man mit dem Rad und zu Fuß sicher zwischen den Ortschaften unterwegs sein kann.


Wie es gehen könnte?
Finnland und Norwegen zeigen beide wie es gehen könnte. Aber auch viele andere EU Länder haben gute Radinfrastruktur am Land. Beispielsweise Spanien oder teilweise auch Polen.




Begleitstraßen in Norwegen. Radfahren ist hier sicher möglich.



Der Radweg zwischen Tornio und Kemi in Nordfinnland. Baulich getrennt, Seitenwechsel sind mittels Unterführung gelöst. 30km ohne Gefahrenstellen. So sollte es sein.
Die Statistik
Bevor wir auf die statistischen Daten schauen, sollten wir uns kurz klar sein was wir hier betrachten. Statistiken sind ein hilfreiches Werkzeug um Daten Quantifizierbar und vergleichbar zu machen. Allerdings sollte man sich auch bewusst sein, dass Statistiken auch ihre Limitationen haben. Im Fall der Radverkehrsunfälle muss man sich bewusst sein, dass wohl ein guter Teil der leichteren Unfälle nicht gemeldet wird. Genauso werden Beinaheunfälle, welche aber durch korrigierende Maßnahmen der Radfahrer verhindert werden können, nicht erfasst.
Insgesamt wurden 2025 in Österreich 403 Personen getötet. Das ist ein merkbarer Anstieg zu den 351 im Jahr 2024, aber fast ident mit den 402 Personen die 2023 getötet wurden. Langfristig kann man sagen, dass die Todeszahlen auf diesem Niveau stagnieren.
Betrachten wir nun die Zahlen. Zuerst die getöteten Personen nach Verkehrsart
| Verkehrsart | 2023 | 2024 | 2025 |
|---|---|---|---|
| Gesamt | 402 | 351 | 403 |
| Pkw | 178 | 147 | 166 |
| Fahrrad | 42 | 32 | 65 |
| E-Scooter | 3 | 7 | 6 |
| Fußgänger:in | 52 | 48 | 58 |
Gut. Es gibt also einen stärkeren Anstieg bei getöteten Radfahrer:innen. E-Scooter werden erst seit 2023 separat erfasst. Nun muss man bei dieser Betrachtung aber auch den Anstieg der Radfahrer:innen mitberücksichtigen. Die Zahl der gefahrenen Radkilometer in Österreich ist statistisch nicht erfassbar. Es gibt aber einen Messpunkt der uns Hinweise geben kann, nämlich die Radzählstellen.
In Linz gibt es diese unter anderem auf der Nibelungenbrücke und auf der neuen Eisenbahnbrücke. Auf der Nibelungenbrücke gab es von 2021 (700.687) auf 2025 (878.213) einen Anstieg des Radverkehrs um 25%. Auf der Neuen Eisenbahnbrücke waren es von 2023 (675.181) auf 2025 (701.734) immerhin fast 4%.
Da die Daten der Stadt Linz aber nicht ganz vollständig und nicht genau vergleichbar sind schauen wir noch nach Wien. In Wien am Praterstern war der Anstieg von 2019 (1.067.676) auf 2024 (1.143.791) mit 7.1% moderat, aber vorhanden.


Radzählstellen sind wichtig um Informationen über die Radrouten zu sammeln.
Ich wollte hier eigentlich auch noch Daten von Salzburg hinzuziehen, deren Radverkehrswebseite ist aber gerade so kaputt, dass man nicht zu den Daten kommt. Man sieht: Die Datenqualität für den Radverkehr ist nicht die beste, aber der Radverkehr nimmt stetig zu. Dies muss bei den Unfallzahlen berücksichtigt werden.
Sehen wir uns nun weitere Statistiken des VCÖ an. Radfahrer werden ja oft als die ultimativen Verkehrsrowdys und als tödliche Gefahr für alle Fußgänger dargestellt. Das stimmt nicht. Die größte Gefahr geht von PKWs und LKWs aus.
Die Statistik Austria stellt dazu im Bericht 2024 (Seite 32) fest:
"972 Fußgänger:innen – und damit mehr als jede:r vierte verunglückte Fußgänger:in – verunfallten auf einem Schutzweg. Die Gesamtzahl lag jedoch niedriger als in den letzten beiden Jahren (2023: 1 096, 2022: 1 042)."

Infrastruktur
Bereits zuvor habe ich ausgeführt, dass das Hauptproblem die fehlende sichere Radinfrastruktur ist.


Kurzum zusammengefasst
Die Forderungen des KFV und anderen nach einer Helmpflicht und Tempolimit sind für mich absolut nicht nachvollziehbar. Die Helmpflicht würde für Radfahrer große juristische Probleme sorgen und Versicherungen eine Ausstiegsmöglichkeit durch die Hintertür eröffnen. Die Reduktion des Tempolimits für E-Bikes würde bestehende Konflikte verschärfen und ist noch dazu sinnlos, weil man ja in die Pedale treten kann.
Die einzig wirksame Strategie um Radfahren und Mikromobilität sicherer zu machen sind baulich getrennte und geschützte Radwege, insbesondere auf Landstraßen, stärkere Kontrollen der bestehenden Regelungen für Parken, Handy am Steuer, konsequente Kontrolle der Mindestabstände beim Überholen von Radfahrer:innen, sowie endlich flächendeckend Tempo 30 innerstädtisch und Tempo 50 außerorts, sofern kein getrennter Geh- und Radweg vorhanden ist.
Helmpflicht und Tempolimit für E-Bikes sind wirkungslose Pseudolösungen. Sie sind in Österreich belibt, weil man die "heilige Kuh" Auto dafür nicht angreifen braucht. E-Bikes und E-Scooter sind bereits jetzt wesentlich strenger reglementiert als Autos.
Alles was ich gerne hätte, wäre dass ich jeden Tag in die Arbeit radeln kann ohne um mein Leben fürchten zu müssen.
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Quellen:















